IN EIGENER SACHE

Liebe Patient*innen,

aus aktuellem Anlass möchte ich gerne einige Worte in eigener Sache loswerden.

Die Corona-Pandemie verlangt vielen von uns einiges ab, sowohl in gesundheitlicher als auch in gesellschaftlicher Hinsicht. Auch für unsere Praxis hat sich seit über einem Jahr einiges geändert und wir werden mit Aufgaben konfrontiert, die Neuland für unser gesamtes Team bedeuten.

Seit April 2020 haben wir uns als Corona-Schwerpunktpraxis freiwillig dazu entschlossen Tests auch für praxisfremde Patienten mittels einer PCR-Untersuchung auf das SARS-CoV-2-Virus durchzuführen. Wir machen dies gerne und versuchen für viele externe Praxen aus dem Umland Abhilfe zu schaffen, damit sich diese weiterhin um die eigene Patientenversorgung jenseits möglicher Infektpatienten kümmern können. Ab März dieses Jahres führten wir auch die Option ein, dass asymptomatische Patienten kostenlose Schnelltest im Rahmen der durch die Politik beschlossenen Bürgertestung bei uns in Anspruch zu nehmen konnten. Wir versorgen weiterhin die eigenen Patienten hausärztlich, auch hier wollen wir keine Abstriche in der Behandlung machen, so steht unsere normale Sprechstunde jedem unserer Patienten zu jeder Zeit zur Verfügung, so wie Sie es seit Jahren gewohnt sind. Zuletzt kam noch die Notwendigkeit hinzu, die Patienten gegen das Corona-Virus zu impfen. Dies alles nimmt enorm viel Zeit in Anspruch!

Da wir nicht oft, jedoch einige Male dafür kritisiert wurden, nicht den richtigen Ton getroffen zu haben oder dass die Wartezeiten in unserer Praxis zu lange sind, möchte ich hiermit die Gelegenheit nutzen, um zu erklären, was unser Team leistet und unter welchem Stress wir gegenwärtig arbeiten. Sie können sich vermutlich nur ansatzweise vorstellen, was für ein Aufwand die Patientenbetreuung beinhaltet und mit welchen Forderungen mein Personal tagtäglich konfrontiert wird. “Hinter den Kulissen”, also abseits unseres Empfangs oder außerhalb unserer Sprechzimmer sind wir leider genauso gefordert, wie im direkten Patientenkontakt.

Nachfolgend wollen wir entsprechend versuchen, unsere Situation zu erklären:

  • Die Corona PCR-Tests: Es ist leider nicht damit getan, ein Stäbchen in Mund und Nase einzuführen und ins Labor zu senden, der Ablauf ist wesentlich komplexer. Bevor der Patient zu uns kommt muss ein Termin koordiniert werden, dass heißt unser Telefon steht sein über einem Jahr nicht mehr still. Nachdem die Patienten vor Ort von uns aufgenommen wurden (die meisten sind ja neu bei uns) und der Abstrich durchgeführt wurde,  schreiben wir zu jedem Abstrich einen Brief (anstatt des gewöhnlichen Meldebogens) an das Gesundheitsamt, der die Daten, den Beruf, die Art und Weise der Ansteckung beinhaltet (wann, wo etc. die Ansteckung möglich gewesen sein könnte). Parallel geht ein Formular mit weiteren Angaben an unser Labor. Oft wird eine Arbeitsunfähigkeit bescheinigt, Rezepte ausgedruckt und der Patient noch untersucht. Die Probe muss etikettiert und verpackt werden. Im Anschluss gehen wieder Fragen per Mail und Telefon bei uns ein, da oft noch einmal nach dem Befund gefragt wird, besonders wenn die Übertragung über die Warn-App mal wieder nicht richtig funktioniert. Zudem informieren wir die Patienten im Falle eines positiven Befundes persönlich.
  • Die Corona-Impfung: Aktuell bekommen wir über 50 Emails pro Tag und unzählbare Anrufe von Patienten, die sich bei uns impfen lassen wollen. Viele der Patienten wünschen nur einen speziellen Impfstoff, teilweise aus unbegründeter Angst vor vermeintlichen Nebenwirkungen, teilweise aus begründeten Bedenken im Rahmen eigener Vorerkrankungen. Jeder wünscht naturgemäß zeitnah dran zu kommen, die Gründe hierfür sind bekanntermaßen mannigfaltig. In jedem einzelnen Fall ist dies auch verständlich, jedoch haben wir nicht immer die Zeit und auch die notwendige Energie, diese Bedenken, welche sicherlich oft auch durch plakative Presseberichte entstanden sind, in Gänze auszuräumen. Die Impfung selbst nimmt relativ viel Zeit in Anspruch, besonders die Vor- und Nachbereitung: Wir müssen die Patienten telefonisch erreichen, den Erst- und auch einen Folgetermin koordinieren, die Patienten schon einmal grob über die geplante Impfung informieren, jede Woche den passenden Impfstoff bestellen, ihn fachgerecht lagern, aufbereiten und – ganz wichtig – alles genau dokumentieren. Täglich müssen wir an die KV melden, welche Patienten wir womit geimpft haben. In einem Impfzentrum gibt es hierfür ein Heer an Mitarbeiter (oft hilft dort sogar noch die Bundeswehr aus). Die eigentliche Impfung geht nach ärztlicher Aufklärung dann relativ schnell von statten, dennoch müssen die Patienten noch einmal aufgeklärt werden und bei uns 15 Minuten im Anschluss warten.
  • Die Ressourcen-Knappheit: Leider können wir aktuell nicht mehr Menschen impfen, auch wenn wir dies gerne machen würden. Zum einen bekommen wir zu wenig Serum zur Verfügung, zum anderen ist unsere personelle Kapazität aus den hier geschilderten Gründen limitiert. Auch wenn wir Ihnen bereits einen Impftermin zugesagt haben und dann wieder absagen müssen, liegt das nicht in unserer Verantwortung. Es kommt leider vor, dass wir nicht die gewünschte Impfstoffmenge bekommen, die wir bestellt haben. Wir bedauern dies mit Sicherheit, jedoch tragen weder wir, noch unsere betreuende Apotheke hierfür Schuld.
  • Die Betreuung der Pflegeheime: Neben der täglichen Routine haben wir mehrfach Abstriche ganzer Pflegeheime durchgeführt (Bewohner wie auch Personal), auch hier unterbrachen meine MFA’s aufgrund eines Ausbruchsgeschehens in einem Pflegeheim ihren Urlaub und standen mir zur Seite, als wir ca. 200 Abstriche ad hoc durchführen mussten. Auch bei Ausbrüchen in Kitas und Kindergärten konnten sich bisher die Erzieher und auch die betreuten Kinder zeitnah in unsere Einrichtung zur Diagnostik vorstellen.
  • Der Arbeitsschutz: Wir arbeiten seit einem Jahr in Schutzausrüstung, was nicht in jeder Jahreszeit angenehm ist. Trotzdem haben sich einzelne unseres Teams mit dem Corona-Virus infiziert und sind an COVID erkrankt.
  • Die Schwerpunktpraxis: Wir behandeln seit Ausbruch der Corona-Pandemie als Schwerpunktpraxis im Schnitt mehr als 2000 Patienten pro Quartal, die durchschnittliche Hausarzt-Praxis in Baden-Württemberg behandelt ca. 800 Patienten im selben Zeitraum. In den letzten 3 Monaten von 2020 betreuten wir ca. 3000 Patienten, viele hiervon sahen wir mehrfach. Wir führten zu Spitzenzeiten ca. 80 Abstriche täglich neben dem regulären Praxisbetrieb durch.
  • Die Erreichbarkeit: Wir betreuen viele Patienten parallel über Videotelefonie oder über ein angebundenes Chat-System, zudem sind wir bemüht alle eintreffenden Emails zeitnah zu beantworten, was uns zugegebenermaßen nicht immer gelingt.
  • Die Internet-Präsenz: Wir versuchen diese Internet-Seite aktuell zu halten um Ihnen hier möglichst viele Informationen über die aktuelle “Corona-Lage” und gegenwärtig auch über die Impfungen zukommen zu lassen (siehe Themenseite Corona-Impfung).
  • Die Bürokratie: Zu den sprechstundenfreien Zeiten arbeiten wir die tägliche Dokumentation ab, machen Hausbesuche und erledigen die oben grob beschriebene Administration. Dies alles kostet uns enorm viel Zeit!

Entsprechend bitten wir es zu entschuldigen, wenn wir manches Mal “kurz angebunden” sind oder das ein oder andere Gespräch schneller abhaken, als Sie es gewohnt sind.

Wie lange wir das oben beschriebene Pensum noch leisten können, frage ich mich aktuell fast täglich. Die Rahmenbedingungen werden durch die Vorgaben unserer Standesvertretung und der Politik nicht einfacher, täglich werden wir mit neuen Verordnungen konfrontiert und auch im medizinisch-wissenschaftlichen Bereich ist es in Anbetracht stündlich neu eintreffenden Erkenntnisse nicht immer einfach, stets auf dem neusten Stand zu bleiben.

In diesem Rahmen kann es also durchaus vorkommen, dass aufgrund der Stresssituation nicht immer alles zu Ihrer Zufriedenheit abläuft. Auch wir sind nur Menschen und auch wir machen Fehler. Wir wissen, dass es oft anstrengend und ermüdend ist, viel Zeit vor der Praxis oder im Wartezimmer zu verbringen und wir verstehen auch, dass Sie oft am Verzweifeln sind, uns zu erreichen. Auch müssen wir uns entschuldigen, wenn wir im Sprechzimmer aufgrund eingehender Telefonate das ärztliche Gespräch kurz unterbrechen müssen, aber einigen Fragen müssen zügig geklärt und abgearbeitet werden. Oft müssen wir Anrufer auch kurzzeitig vertrösten.

Wir bitten Sie dennoch, egal Sie uns hausärztlich oder im Rahmen der Corona-Sprechstunde besuchen, um Nachsicht und um etwas Geduld, genau wie um einen angemessenen Ton. Der Großteil der Hilfesuchenden weist dies sicherlich auf, leider gibt es jedoch Ausnahmen, die uns viel Nerven und vor allem zusätzlich Zeit kosten. Mein Personal hat es wahrlich nicht verdient beschimpft und bedrängt zu werden, dem werde ich mich persönlich in jeder erdenklichen Situation entgegenstellen. Meine Mitarbeiterinnen leisten in meinen Augen großartige Arbeit. Genauso wenig tolerieren wir in unserer Praxis misogyne, homophobe oder rassistische Äußerungen jeglicher Art und Weise.

Der obige Text stellt nur den Versuch einer Erklärung unserer gegenwärtigen Situation – mit der Bitte um etwas Nachsicht – dar. Weder wollen wir uns beklagen, noch die gegenwärtige Situation verfluchen. Alles was wir uns wünschen ist ein gewisses Maß an gegenseitigem Respekt.

Ich hoffe, dass sich unser Leben in absehbarer Zeit zumindest wieder etwas normalisiert und verbleibe mit freundlichen Grüßen.

Bleiben Sie gesund! 🌈

Ihr David Strodtbeck